• Sarah Leuenberger

Wenn der Tod um die Ecke wartet

Sarah Leuenberger, Gedanken zum tragischen Busunglück auf Madeira vom 17.4.2019


Es war ein ganz normaler Mittwoch. Mit einer 12-köpfigen Gruppe aus der Schweiz fuhr ich in Richtung Osten der Insel. Unser Busfahrer war wie immer pünktlich und führte uns gekonnt über die Insel Madeira bis zum Startpunkt der heutigen Wanderung. Das Wetter wollte noch nicht so recht mitspielen, aber nach so vielen sonnigen Tagen war dies nicht weiter schlimm. Während unserer 3-stündigen Wanderung begleiteten uns heftige Regenschauer, ein intensiver Eukalyptus-Duft und ab und zu ein wenig Sonnenschein. Leicht durchnässt und mit dreckigen Schuhen kamen wir wieder beim Bus an und freuten uns riesig auf ein reichhaltiges Mittagessen. Ein ganz normaler Arbeitstag eben, für mich wie auch für den Motorista, so nennt man (trotz „a“ am Ende) die männlichen Busfahrer auf Portugiesisch. Seit über 20 Jahren ist Jeronimo Rodrigues im Tourismus tätig. Ein GPS braucht er nicht, die Strassen Madeiras kennt er wie seine eigene Westentasche. Alkohol sage ihm schon lange nichts mehr und in einen Unfall sei er zum Glück noch nie verwickelt worden. Ich glaube ihm. Auch wenn weit und breit kein Festland in Sicht ist – Madeira ist alles andere als ein Drittweltland, gehört zu Portugal, sprich zur EU! Ja, auch hier gibt es Regeln und Normen, die befolgt werden müssen!


Gegen 17.00 Uhr ist Feierabend, wir laden unsere 12 Gäste im Hotel ab und wünschen ihnen einen schönen Abend. Geronimo ist so nett und fährt mich noch nach Hause, damit ich nicht den öffentlichen Bus nehmen muss. Frisch geduscht und geschaffen vom Tag bin ich nun bereit für die sozialen Medien. Laptop herauffahren, Tee kochen und abchecken, was so geht in der großen, weiten Welt. Und da stehen sie, die vielen Schlagzeilen! Alle sollen sie die Leserschaft neugierig machen! Klicks und Likes generieren, darum geht es heutzutage. Normalerweise scrolle ich mich gekonnt durch und filtere die interessantesten Beiträge schnell heraus. An diesem Mittwoch, 17.April 2019 war alles ganz anders. Zum Scrollen kam ich erst gar nicht! Die tragischen Nachrichten aus Madeira erreichten mich sofort! Live Videos vom Unfallort in Caniço, dort wo ein Bus mit deutschen Touristen abgestürzt sein soll, versetzen mich in einen Schockzustand. Für mehrere Stunden kleben meine Augen am Bildschirm, mein Handy läuft heiß und der Appetit ist mir schon lange vergangen. Mir stellen sich alle W-Fragen; Wer, wie, wo wann und vor allem WARUM?


Die Fakten kennen wir mittlerweile aus der Presse. Bleibt die Frage nach dem Warum? Warum musste das passieren? Warum genau diesen Touristen, diesem Busfahrer, dieser Reiseleiterin? Im Bus hätte auch ich sitzen können, am Steuer der Fahrer Jeronimo. Wie geht das Leben für alle beteiligten Menschen weiter, ein Leben nach diesem einst so normalen Mittwoch. Und warum gerade auf Madeira, eine Insel, die in den letzten Jahren immer mal wieder Tiefschläge wegen Naturkatastrophen einstecken musste. Fragen über Fragen und es kommen immer wieder neue dazu. Aber Antworten darauf wird wohl nie jemand haben.

Ein ganz normaler Arbeitstag war es wahrscheinlich auch für den betroffenen Busfahrer und die Reiseleiterin. Für die vielen deutschen Touristen sollte es ein ganz besonderer Abend werden. Eine „noite típica madeirense“ - ein leckeres Abendessen mit Fleischspiessen auf Lorbeerholz,, Folkloretanz und gutem Wein.


Wer denkt da schon über den Tod nach? Ein fürchterlicher Tod, der gleich um die Ecke wartet.

Ich möchte allen Hinterbliebenen mein tiefstes Beileid aussprechen. Meine Gedanken sind in diesen schwierigen Tagen bei Euch. Viel Kraft und Zuversicht wünsche ich allen betroffenen und involvierten Personen, den Verletzten im Spital, Angehörigen, Einsatzkräfte, Hotelpersonal und dem ganzen Tourismus in Madeira. Ein Ereignis, das uns alle extrem traurig stimmt und nicht so schnell wieder vergessen lässt. Amen!

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